100 Tage im Amt

Renauer

„Die eingeschlagenen Pflöcke abarbeiten“

Ein halbes Jahr im Amt: Erwin Renauer muss als Reichertshausener Bürgermeister Prioritäten setzen

 

Von Hans Steininger

 

18 Jahre lang hat sich Erwin Renauer (60) im Gemeinderat für Reichertshausen engagiert, davon die letzten neun Jahre als Zweiter Bürgermeister. Er ist also bestens involviert, was die Projekte der letzten Jahre und die aktuellen Aufgaben anbelangt, war er doch bei jeder Entscheidungsfindung persönlich beteiligt.

Dass seine ersten Monate als Gemeindechef von der Corona-Pandemie begleitet sind, ist eine Bewährungsprobe gleich zu Beginn, schafft andererseits aber eine quasi „komfortable“ Situation. Denn „über 90 Prozent der Termine wie runde Geburtstage, Vereinsfeste und überhaupt Veranstaltungen aller Art fanden nicht statt“, blickt Renauer auf die ersten Monate zurück. „Gleich zum Auftakt fielen die Maibaumfeiern reihum aus, auch durfte ich nur ein einziges Mal kurz auf eine Jahres-Hauptversammlung, während meiner Geburtstagsfeier zum 60sten“, so die diesbezügliche Bilanz des Gemeindechefs. Renauer konnte sich also ohne größeren Terminstress auf seine neuen Aufgaben konzentrieren, wenn auch die Corona-Pandemie diverse Problemlösungen innerhalb der Gemeindeverwaltung erforderlich machte.

Aber auch sonst blieb die Zeit nicht stehen, denn etliche Projekte befinden sich in den unterschiedlichsten Phasen der Realisierung und haben ihre Ecken und Kanten, die es zu beseitigen gilt. So zum Beispiel bei den Kindertagesstätten in Steinkirchen, die künftig als zwei getrennte Häuser arbeiten. „Das hat extreme Probleme verursacht, sowohl mit den Eltern, als auch mit dem Personal des bisherigen Kindergartens. In der Folge mussten für die Kitas neue beziehungsweise weitere Erzieherinnen und Erzieher gesucht werden, was wegen des problematischen Stellenmarkts nicht einfach zu bewältigen war. Bis auf eine Stelle ist der Personalbedarf aber gedeckt und die Kitas können arbeiten“, so Renauer.

Neu aufgestellt hat die Verwaltung den Haushalt 2020 inklusive des Finanzplans für die kommenden vier Jahre. „Wir haben in der Vergangenheit sehr viele Investitionen getätigt, deshalb ist unsere finanzielle Situation ziemlich angespannt“, stellt der Gemeindechef fest. „Da sind Prioritäten zu setzen, die zusammen mit dem Gemeinderat neu festgelegt werden“, blickt Renauer voraus. „Da wurden vom Gemeinderat unter Altbürgermeister Reinhard Heinrich Pflöcke eingeschlagen, die wir abarbeiten müssen, wie zum Beispiel das Feuerwehrhaus in Langwaid. Ich habe zusammen mit den Vereinen, der Dorfgemeinschaft und der FFW Langwaid einen Modus gefunden, eine Kombination aus Feuerwehrhaus und Dorfheim zu errichten. Die ersten Gespräche mit Anbietern, die schlüsselfertig bauen, stehen vor der Tür“. Differierende Betrachtungsweisen gibt es im Gemeinderat zum Neubau der Brücke an der Kohlmühle, ein Projekt, dessen Notwendigkeit das Gremium schon lange beschäftigt und das teilweise konträr diskutiert wurde. Hier ist die Verwaltung dabei, Entscheidungsgrundlagen zu erarbeiten, denn eine Lösung muss her, ob so oder so. Ein weiteres, in diesem Fall sogar populäres Projekt ist der Umbau der alten Pischelsdorfer Dorfwirtschaft „Fanni“ zu einem Vereinsheim. „Hier hat der Gemeinderat jüngst den Bebauungsplan für das daneben liegende Areal abgesegnet, der Satzungsbeschluss wird öffentlich ausgehängt und im Laufe des Herbstes rechtskräftig“, zeigt sich Renauer zufrieden über die Entwicklung. Ursprünglich waren neben dem Gastraum auch der Saal sowie das Dachgeschoss für einen Umbau ins Auge gefasst worden. Letzteres aber kommt aus Gründen der Statik für eine Nutzung nicht oder nur mit immensen Kosten infrage, den Saal „möchte ich als Bürgermeister hintanstellen, weil derzeit kein extremer Bedarf vorhanden und der Gemeindesäckel schon genug belastet ist, von nicht vorhandenen Mitarbeiterressourcen mal ganz abgesehen. Wir können nicht zuviel auf einmal anpacken“, bemerkt Renauer mit Nachdruck.

Seit Beginn der neuen Amtsperiode hat sich auch der eventuelle Bau eines Geh- und Radweges von Grafing über Paindorf, Oberpaindorf nach Lausham beschleunigt. Denn staatlicherseits wurde ein neues Programm für den Bau von Radwegen aufgelegt, das laut Renauer „mit nicht unerheblichen Zuschüssen ausgestattet ist“. Bis zum Jahresende 2021 müssen die Anträge gestellt sein und Planungen vorliegen, „aber diese Chance muss genutzt werden, alles andere wäre ungeschickt“.

Für die Intensivierung der Arbeit mit dem Gemeinderat ist ein elektronisches Rats-Informationssystem in Vorbereitung, das die Kommunikation untereinander vereinfacht und beschleunigt und auch ein Bürger-Informationssystem mit einschließt. Eine Machbarkeitsstudie hat die Gemeinde kürzlich in Auftrag gegeben.

Ganz neu im Sinne einer umfassenden Informationspolitik für die Bürger sind die Audio-Mitschnitte aus den Gemeinderatssitzungen, die per Livestream via gemeindlicher Homepage verfolgt werden können. Der Start ist vorgesehen für den Dezember 2020.

Wichtig war Renauer in seiner Funktion als Gemeindechef die Einbeziehung der zweiten großen Partei im Gemeinderat für das Amt des Zweiten Bürgermeisters. Das wird für die aktuelle Wahlperiode von Albert Schnell wahrgenommen. „Transparenz statt Konkurrenz“ sieht Renauer als Grundlage für beiderseitig gute Zusammenarbeit, die er sich ausdrücklich wünscht.

Viele, teils spektakuläre Projekte hat die Gemeinde im Laufe der letzten Jahre gestemmt und umgesetzt. Da ist es für ein neues Gemeindeoberhaupt schwer, neue „Statussymbole“ zu setzen. Renauer aber kann für sich in Anspruch nehmen, an jedem der Projekte mitgewirkt zu haben. Deshalb sieht er seine derzeitige Aufgabe vorrangig „in der Umsetzung bestehender Beschlüsse und in einer Konsolidierung der Gemeindefinanzen, was sich über Jahre hinziehen wird“. Da ist die gerade eben erst generalsanierte Grund- und Mittelschule noch nicht mal enthalten, die bei steigenden Schülerzahlen womöglich erweitert werden muss, blickt der Gemeindechef voraus.

Privat hat er sich vorgenommen, sein Hobby als Komparse beim Fernsehen von Fall zu Fall fortzuführen. In diesem Jahr spielte Renauer eine Szene als Bürgermeister in der BR-Serie „Dahoam is dahoam“.

 

Ruhig und sachlich

Einen ruhigen, sachlichen Umgang miteinander bescheinigen die Fraktionssprecher im Gemeinderat dem neuen Bürgermeister Erwin Renauer (UWG) unisono. Von einer „erheblich verbesserten Stimmung in den Gemeinderatssitzungen“ spricht Konrad Mayer (SPD), das betont auch Gerhard Bischoff (fraktionslos), der frühere „hitzige Wortgefechte“ nicht vermisst. Laut Wolfgang Linner (CSU) wurden einige gewohnte Abläufe anders umgesetzt, der Informationsaustausch sei „überwiegend gut, aber verbesserungswürdig“. Marianne Knoll (FW) sieht das gute Verhältnis zur UWG auch nach der Wahl fortgesetzt, Brigitte Schelle-Mayr (Grüne) erwartet einen weiteren Ausbau des überparteilichen Austausches und Stefan Finkenzeller (UWG) begrüßt die gemeinsamen Fraktionsführerbesprechungen im Vorfeld von Sitzungen. Ein mehrfach geäußerter Wunsch der Fraktionssprecher von CSU, SPD und FW ist die Schaffung von Prioritäten unter Berücksichtigung der Haushaltslage. Hsg

 

Mit freundlicher Genehmigung des Pfaffenhofener Kurier

 

 

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